Gleich zweimal wurde ich von Kundinnen gefragt, ob denn die Fische, die wir für unser Menü im Februar verwendeten, auch aus nachhaltiger Fischerei kämen bzw. garantiert nicht aus ungesunder Aquakultur stammten. „Oh nee“, denkst Du leicht genervt erstmal, „woher soll ich denn das wissen?“, bevor Du einen Moment innehältst: „Hey, recht haben die, danach zu fragen; das müssten wir doch alle tun, bevor wir irgendein Meeresgetier kaufen.“ Ok, denke ich, das will ich jetzt mal wissen. Also habe ich mir den gerade von Greenpeace veröffentlichten „Fisch-Ratgeber“ besorgt, der dem Verbraucher Auskunft geben will, welchen Fisch er bedenkenlos kaufen kann und welchen besser nicht. Ernüchtert lese ich erstmal, dass bedenkenlos und uneingeschränkt nur der Verzehr von Karpfen empfohlen wird, der nun gerade nicht zu meinen Lieblingsfischen gehört. Hering wird ebenfalls empfohlen, allerdings nur, wenn er „in Teilen des Nordwest- oder Nordost-Atlantiks“ gefangen wird.  Noch schwieriger wird es für den Fischkäufer bei den Fischarten, die als „nicht  empfehlenswert mit Ausnahmen“ eingestuft werden. Definitiv nicht leicht, den Durchblick zu kriegen. Auf Fertigprodukten oder TK-Fisch muss die Herkunft auf der Verpackung verzeichnet sein, frische Fische müssen vom Händler ausgezeichnet werden. Nützt nur wenig, weil nur die Angabe großer Fanggebiete vorgeschrieben ist, nicht aber die präziser Regionen. Um die Verwirrung vollständig zu machen, kommt der Verband WWF in seinem Fisch-Ratgeber zum Teil zu ganz anderen Ergebnissen als die Greenpeace-Kollegen. Er empfiehlt z.B. das „MSC“-Siegel, welches wiederum von vielen Kritikern für zu lasch bei den Vergabekriterien gehalten wird.

Der Fischhändler meines Vertrauens

Ja, scheisse noch mal – was und wem soll ich denn nun glauben? Zum Fischhändler meines Vertrauens zu gehen, ist auch keine Alternative, weil es den nicht mehr gibt, und die Fischverkäuferin im Supermarkt (ach was, Supermarkt – auch bei Hagenah haben sie keine Ahnung) antwortet auf solche Fragen in der Regel mit einem Schulterzucken. Und dann heißt es, der Verbraucher hat es in der Hand, der Kunde entscheidet. Ja, wie denn, wenn statt verständlicher Informationen überall nur Nebelkerzen gezündet werden? Und warum gibt es keine klaren Regeln und Verbote, sprich international gültige Fangquoten, die wirksam vor Überfischung schützen und das klare und eindeutige Verbot von Aquakulturen, die das Wasser chemisch verseuchen ?

Der Verbraucher hat es in der Hand

Der Verbraucher hat es in der Hand – ha! Wozu brauchen wir Verkehrsregeln und Geschwindigkeitsbegrenzungen auf unseren Straßen, der Autofahrer hat es doch in der Hand… Wozu haben wir eigentlich Politiker und Regierungen gewählt? Damit sie unser Zusammenleben vernünftig organisieren, also Gesetze beschliessen, die im Interesse aller bzw. der Allgemeinheit sind, und deren Einhaltung kontrollieren, oder? Und wenn im Grundgesetz beispielsweise der Tierschutz als verpflichtend festgeschrieben ist, ist es Aufgabe der Politik, dafür zu sorgen, dass es keine massenhafte Tierquälerei mehr gibt. Und wenn die Volksgesundheit politische Prämisse ist, ist es Pflicht der Politiker, die Menschen vor dem Verzehr von Antibiotika-verseuchtem Fleisch zu schützen. „Der Verbraucher hat es in der Hand“ ist eine der unverschämtesten Ausreden für Nichtstun bzw. dafür, sich nicht mit Agrarindustrie und Lebensmittelkonzernen anlegen zu müssen.

Schlussfolgerung?

Ich gebe zu: fast noch wütender als auf die Politiker bin ich auf  die Leute, die das alles hinnehmen und immer wieder dieselben Versager wählen. Der übergroßen Mehrheit meiner deutschen Mitmenschen ist es doch sowas von egal, ob in ihrer Nachbarschaft 30.000 Schweine per Monat bis zur Schlachthofreife totgequält werden (falsch: bitte nicht in der direkten Nachbarschaft, der Geruch könnte ja belästigen). Genauso egal wie, dass in irgendwelchen elenden Ecken der Welt jeden Tag hunderte von Menschen mit in Deutschland hergestellten Waffen totgeschossen werden. So lange es mich nicht trifft, und solange ich mein täglich Fleisch (meinetwegen auch Fisch, soll ja gesund sein) essen kann. Erst kommt das Fressen, dann die Moral.

Da siehst Du mal, wie schnell man vom Fischeinkauf zu Tierquälerei und Menschenmord kommt. Es hängt eben alles mit allem zusammen. Ganz einfach. Man muss nur das Hirn einschalten.

Schlussfolgerung? Keine Ahnung. Höchstens die: Genau so wie bisher schon bei Fleisch gilt ab sofort auch bei Fisch die Regel: Nur noch das wird gekauft und verzehrt, von dem ich mit Sicherheit weiß, dass es weder der Kreatur noch der Umwelt noch meiner Gesundheit schadet. Verhindert zwar die Apokalypse nicht, weil es keine mehrheitsfähige Strategie ist, ist aber hilfreich für die persönliche politische Hygiene (Hyäne, was für ne Helene?).

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